Wer Interviews für eine Abschlussarbeit oder Studie auswertet, muss sie zuerst verschriftlichen, und zwar nach festen Regeln. Am weitesten verbreitet sind die Transkriptionsregeln nach Dresing und Pehl. Sie kennen zwei Varianten: das einfache und das erweiterte Transkriptionssystem. Dieser Beitrag erklärt beide und zeigt alle Unterschiede im direkten Vergleich.
Wer sind Dresing und Pehl und was regeln die Regeln?
Thorsten Dresing und Thorsten Pehl haben ihre Transkriptionsregeln im Buch „Praxisbuch Interview, Transkription & Analyse“ veröffentlicht. Sie legen fest, wie Gesprochenes in Text überführt wird: Was wird wörtlich übernommen, was geglättet, wie werden Pausen, Betonungen und Sprecherwechsel markiert? Der Zweck ist, dass alle Transkripte einheitlich entstehen und sich nachvollziehbar auswerten lassen, etwa mit einer qualitativen Inhaltsanalyse.
Das einfache Transkriptionssystem
Das einfache System ist auf den Inhalt ausgerichtet. Es ist wörtlich, glättet das Gesprochene aber leicht, damit der Text gut lesbar bleibt. Die wichtigsten Regeln:
- Wörtlich, leicht geglättet: Gesprochenes wird übernommen, auch Versprecher und falsche Grammatik bleiben, aber ohne Störendes.
- Dialekt und Verschleifungen: Sie werden möglichst ins Hochdeutsche übertragen, zum Beispiel „so ’n Auto“ zu „so ein Auto“. Feste Redewendungen bleiben erhalten.
- Satzzeichen: Sie werden so gesetzt, dass Sinneinheiten und Aussage erhalten bleiben.
- Füllwörter und Konversationsmarker wie „ähm“, „halt“, „quasi“ oder „ne“ entfallen.
- Wortabbrüche und Stottern entfallen.
- Wortdoppelungen werden nur erfasst, wenn sie der Betonung dienen („sehr, sehr wichtig“).
- Betonung: Besonders betonte Wörter stehen in GROSSBUCHSTABEN.
- Pausen: Deutliche Pausen ab etwa drei Sekunden werden mit (…) markiert.
- Zustimmungslaute wie „hm“ werden nur notiert, wenn sie allein als Antwort stehen, mit Deutung in Klammern, zum Beispiel „Hm. (bejahend)“.
- Nonverbales wie Lachen, Räuspern oder Seufzen steht in Klammern, z. B. (lacht).
- Unverständliches wird mit (unv.) und Zeitmarke gekennzeichnet.
- Überlappungen werden nicht markiert, die Beiträge folgen nacheinander.
Das erweiterte Transkriptionssystem
Das erweiterte System erfasst auch die Art des Sprechens. Es glättet nicht, sondern hält fest, was tatsächlich gesagt wurde. Zusätzlich oder anders als beim einfachen System gilt:
- Buchstäblich ohne Glättung: Versprecher, Wiederholungen und Grammatikfehler werden so notiert, wie sie fallen.
- Dialekt und Verschleifungen werden wortnah wie gesprochen festgehalten.
- Füllwörter und Konversationsmarker werden transkribiert, auch bei den befragten Personen.
- Wort- und Satzabbrüche werden mit einem Schrägstrich markiert, zum Beispiel „Ich wollte da ge/ nachfragen“.
- Wortdoppelungen werden immer erfasst.
- Pausen werden nach Länge abgestuft: (.) etwa eine Sekunde, (..) etwa zwei, (…) etwa drei Sekunden, längere Pausen als Zahl in Sekunden, z. B. (6).
- Zustimmungslaute werden ausführlicher erfasst und gedeutet, zum Beispiel „Hm. (zögernd)“.
- Überlappungen werden mit // … // gekennzeichnet.
Einfach vs. erweitert: alle Unterschiede im Überblick
| Merkmal | Einfaches System | Erweitertes System |
|---|---|---|
| Grundprinzip | Wörtlich, leicht geglättet, inhaltsorientiert | Buchstäblich, ohne Glättung |
| Dialekt und Verschleifungen | Ins Hochdeutsche übertragen | Wortnah wie gesprochen |
| Füllwörter (ähm, halt, quasi) | Entfallen | Werden transkribiert |
| Wortabbrüche | Entfallen | Mit Schrägstrich markiert |
| Wortdoppelungen | Nur bei Betonung | Immer |
| Zustimmungslaute (hm) | Nur als alleinige Antwort, mit Deutung | Ausführlicher, mit Deutung |
| Pausen | Ab ca. 3 Sekunden: (…) | Abgestuft: (.) (..) (…) und Zahl |
| Überlappungen | Nicht markiert | Mit // … // |
| Betonung | GROSSBUCHSTABEN | GROSSBUCHSTABEN |
| Nonverbales (lacht) | In Klammern | In Klammern |
| Unverständliches | (unv.) mit Zeitmarke | (unv.) mit Zeitmarke |
| Satzzeichen | Nach Sinneinheiten | Nach Sinneinheiten |
| Sprecherkürzel | I: und B:, bei mehreren I1, B1 usw. | Gleich |
| Absätze und Zeitmarken | Pro Beitrag ein Absatz, Zeitmarke am Ende | Gleich |
Was beide Systeme gemeinsam haben
- Jeder Sprechbeitrag steht in einem eigenen Absatz.
- Am Anfang steht das Sprecherkürzel: I für die interviewende, B für die befragte Person.
- Am Ende steht eine Zeitmarke im Format #hh:mm:ss#.
- Betonungen, Nonverbales und Unverständliches werden einheitlich gekennzeichnet.
Beispiel: derselbe Satz in beiden Systemen
Gesprochen: „Ähm, also ich hab da ge-, ich hab mir halt Sorgen gemacht, ne?“
Einfach: B: Ich habe mir Sorgen gemacht. #00:03:12#
Erweitert: B: Ähm, also ich hab da ge/ ich hab mir halt Sorgen gemacht, ne? #00:03:12#
Welches System passt zu Ihrem Projekt?
- Einfaches System: Wenn es um Inhalte und Aussagen geht, etwa bei Interviews für Bachelor-, Master- oder Doktorarbeiten mit inhaltsanalytischer Auswertung. Der Text bleibt gut lesbar.
- Erweitertes System: Wenn auch die Art des Sprechens zählt, zum Beispiel bei Gesprächs-, Diskurs- oder Verhaltensanalysen, wo Pausen, Zögern und Überlappungen Teil der Auswertung sind.
Das erweiterte System ist aufwendiger und damit meist teurer. Wählen Sie so genau wie nötig, aber nicht genauer als Ihre Methode verlangt. Fragen Sie im Zweifel bei Ihrer Betreuung nach.
Tipps für Ihre Arbeit
- System vorab festlegen: Wechseln Sie nicht mitten im Projekt.
- Im Methodenteil nennen: Geben Sie an, nach welchem System und welcher Fassung Sie transkribiert haben.
- Regeln konsequent anwenden: Alle Transkripte eines Projekts müssen gleich behandelt werden.
- Gute Aufnahmen machen: Je klarer das Audio, desto genauer und günstiger die Transkription. Tipps finden Sie in Diktat und Transkription im Schreibbüro.
- Datenschutz klären: Interviews enthalten oft personenbezogene Daten. Vereinbaren Sie Vertraulichkeit und Anonymisierung vorab.
Hinweis: Die Regeln liegen in leicht unterschiedlichen Fassungen und Auflagen vor. Orientieren Sie sich im Zweifel an der aktuellen Fassung im Praxisbuch von Dresing und Pehl oder an den Vorgaben Ihrer Hochschule.
Häufige Fragen
Was ist der wichtigste Unterschied zwischen einfacher und erweiterter Transkription?
Die einfache Transkription glättet und konzentriert sich auf den Inhalt. Die erweiterte hält zusätzlich Füllwörter, Abbrüche, abgestufte Pausen und Überlappungen fest.
Welches System ist für eine Abschlussarbeit üblich?
Für inhaltsorientierte Auswertungen wird meist das einfache System genutzt. Maßgeblich sind aber Ihre Methode und die Vorgaben Ihrer Betreuung.
Muss ich bei einfacher Transkription Dialekt beibehalten?
Nein. Beim einfachen System wird Dialekt möglichst ins Hochdeutsche übertragen, beim erweiterten bleibt er wortnah erhalten.
Wie werden Pausen gekennzeichnet?
Einfach: ab etwa drei Sekunden mit (…). Erweitert: abgestuft mit (.), (..), (…) und bei längeren Pausen mit der Sekundenzahl.
Können Sie meine Interviews nach Dresing und Pehl transkribieren?
Ja, das Schreibbüro Franke transkribiert Interviews auf Deutsch und Englisch, Details finden Sie auf der Seite Interviewtranskription. Preise stehen unter Preisinformationen.
Fazit
Das einfache System liefert gut lesbare, inhaltsorientierte Transkripte, das erweiterte bildet das Sprechen detailgetreu ab. Entscheidend ist, dass Ihr System zur Forschungsfrage passt und konsequent angewendet wird. Sie haben Interviews, die transkribiert werden sollen? Fragen Sie Schreibbüro Franke in Bruckmühl nach einem Angebot.




